Neurologie & Psychiatrie
Neurotische-, Belastungs- und somatoforme Störungen: Diagnose
Neurotische-, Belastungs- und somatoforme Störungen
(ICD-10: F40-F48)
Diese Gruppe von Störungen wurde im ICD-10 wegen des historischen Zusammenhangs mit dem Neurosenkonzept in einem Kapitel zusammengefasst. Das Neurosenkonzept wurde jedoch nicht als Organisationsprinzip beibehalten. Diese Gruppe ist durch Leitsymptome untergliedert. Die erste Gruppe (F40, F41) wird durch das Symptom Angst gebildet. Die zweite Gruppe (F42) durch das Vorliegen von Zwangshandlungen und/oder Zwangsgedanken. Bei der dritten Gruppe (F43) stellen Belastungsfaktoren das Einteilungsprinzip dar. Bei der vierten Gruppe (F44) stehen pseudoneurologische Symptome und bei der fünften Gruppe (F45) körperliche Beschwerden, insbesondere Schmerzen und vegetative Symptome im Vordergrund.
1. Phobische Störungen (F40) und sonstige Angststörungen (F41)
Definition
Phobische Störung (ICD-10: F40)
Phobische Störungen sind gekennzeichnet durch "gerichtete Ängste" (Agoraphobie: Ängste vor offenen Plätzen, Menschenmengen; Sozialphobie: Ängste in sozialen Situationen; spezifische (isolierte) Phobien: z. B. Tiere, Höhen, Donner, Dunkelheit, Fliegen, enge Räume ...). Durch bestimmte Stimuli werden exzessive, inadäquate Angstreaktionen ausgelöst. Den Patienten ist bewusst, dass die Angstreaktion unbegründet und übertrieben ist. Das Vermeiden der Stimuli führt häufig zu psychosozialen Problemen.
Sonstige Angststörungen (ICD-10: F41)
Diese Angststörungen sind gekennzeichnet durch "ungerichtete Ängste". Die Patienten haben nicht vor bestimmten Stimuli Angst, sondern leiden unter dem Angstgefühl und den vegetativen und kognitiven Begleiterscheinungen. Tritt diese Angst nur kurz attackenförmig auf, aber immer wieder, spricht man von Panikstörung (ICD-10: F41.0). Sind frei flottierende Ängste über längere Zeit anhaltend, spricht man von generalisierter Angststörung (ICD-10: F41.1).
(Siehe Kapitel "Angst- und Panikstörungen")
2. Zwangsstörung (F42)
Definition
Die Zwangsstörung ist durch immer wiederkehrende Zwangshandlungen (Waschen, Putzen, Kontrollieren, Ordnen, Zählen, Sammeln ...) und Zwangsgedanken charakterisiert, die das tägliche Leben stark beeinträchtigen. Als Inhalte der Zwangsgedanken stehen meist Themen von Verschmutzung, übertriebener Zweifel, magische Inhalte, Gedanken betreffend körperlicher Gesundheit, Streben nach Symmetrie, aggressive oder sexuelle Gedanken bzw. Impulse im Vordergrund. Die Zwangshandlungen und Zwangsgedanken werden von Patienten als Produkte des eigenen Geistes erkannt und als übertrieben und unangemessen bewertet. Meist haben Patienten sowohl Zwangshandlungen als auch Zwangsgedanken.
Epidemiologie
Die Lebenszeitprävalenz der Zwangsstörung beträgt 2,5 %.
Pathophysiologie der Zwangsstörung
Das neuropathophysiologische Modell erklärt die Zwangsstörung durch eine Überaktivierung thalamo-kortikaler Basalganglienschleifen und durch serotonerge Dysfunktionen. Zudem wird eine erhöhte Vulnerabilität, eine Zwangsstörung zu entwickeln, angenommen.
Auf neuropsychologischer Ebene wird von einem zweischrittigen Prozess ausgegangen. In einem ersten Schritt kommt es zur Sensibilisierung gegenüber bestimmten Auslösereizen (z. B. im Rahmen einer Traumatisierung, von Überforderungssituationen, von Belastungssituationen, bestimmten Erziehungsstilen). Auf diese Auslösereize (Situationen, Zwangsgedanken) reagiert der Patient dann mit einer verstärkten emotionalen Reaktion. Die bei Zwangspatienten gefundenen erhöhten Aktivierungsmuster im orbitofrontalen und limbischen Kortex passen gut zu dieser Sensibilisierung und verstärkten emotionalen Reaktion.
Im zweiten Schritt dieses Prozesses werden Zwangshandlungen bzw. Zwangsgedanken fixiert, da sie immer wieder zur Reduktion des aversiv erlebten emotionalen Zustandes führen und es so zu "negativer Verstärkung" kommt. Magisches Denken spielt bei Zwangsstörungen häufig ebenfalls eine wichtige Rolle.
3. Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (F43)
Definition
Bei dieser Gruppe von Störungen handelt es sich um klinisch unterschiedliche Erscheinungsbilder, die als Gemeinsamkeit psychosoziale Belastungsfaktoren als Auslöser haben. Eine akute Belastungsreaktion (ICD-10: F43.0) wird durch ein außergewöhnlich belastendes Lebensereignis ausgelöst. Bei der posttraumatischen Belastungsstörung (ICD-10: F 43.1) entsteht eine verzögerte Reaktion auf eine außergewöhnliche Belastung, Bedrohung oder Katastrophe. Eine Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2) kann nach einer entscheidenden Lebensveränderung auftreten. Wobei die individuellen Bewältigungsstrategien und vorbestehenden Persönlichkeitszüge bei der Anpassungsstörung eine größere Rolle spielen als bei den übrigen Belastungsreaktionen, die auch bei "Gesunden" auftreten können, wenn die Coping-Strategien für die Bewältigung der schweren Belastung nicht ausreichen.
Akute Belastungsreaktion (F43.0) (Syn.: Krisenzustand, psychischer Schock, Nervenzusammenbruch)
Bei der akuten Belastungsreaktion besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der ungewöhnlichen Belastung und dem Beginn der Symptome. Die Reaktion beginnt innerhalb weniger Minuten und klingt nach 24 bis 48 Stunden ab. Nach 3 Tagen sind gewöhnlich nur noch minimale Symptome vorhanden. Nach einem anfänglichen "Betäubungszustand" sind depressive Symptome, Angstsymptome, Ärger, Verzweiflung, Überaktivität oder Rückzug zu beobachten. Keines dieser Symptome ist jedoch über längere Zeit vorherrschend. Diese Diagnose sollte nicht zur Beschreibung einer plötzlichen Verschlechterung einer vorbestehenden Symptomatik verwendet werden.
Posttraumatische Belastungsstörung (F43.1)
Die posttraumatische Belastungsstörung entsteht verzögert oder protrahiert meist innerhalb eines halben Jahres nach einem belastenden Ereignis, nach einer außergewöhnlichen Bedrohung oder Katastrophe, die bei den meisten Menschen eine schwere Verzweiflung auslösen würde. Typisch sind Nachhallerinnerungen (Intrusionen, flashbacks) oder Träume, in denen das Trauma "wieder erlebt" wird. Patienten vermeiden Situationen, Stichworte, die an das Trauma erinnern könnten. Es kommt zu einem Gefühl des Betäubtseins, emotionaler Abgestumpftheit und Vermeidung von Aktivitäten. Zusätzlich tritt ein Zustand vegetativer Übererregtheit mit Vilgilanzsteigerung, Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen auf.
Anpassungsstörungen (F43.2) (Syn.: abnorme Trauerreaktion, Hospitalismus bei Kindern, Kulturschock)
Die Anpassungsstörung tritt als Leidenszustand mit emotionaler Beeinträchtigung nach einer entscheidenden Lebensveränderung (Verlust enger Bezugspersonen durch Trennung, Tod oder Scheidung; Emigration), nach einem belastenden Lebensereignis oder auch nach schwerer körperlicher Erkrankung auf. Die interindividuell unterschiedlichen Symptome umfassen depressive Stimmung, Angst, Besorgnis, Überforderungsgefühle und Einschränkung in der Bewältigung des Alltags. Bei Jugendlichen können auch Störungen des Sozialverhaltens auftreten. Bei Kindern regressive Symptome, wie Bettnässen, Daumenlutschen oder "Babysprache". Die individuelle Disposition bzw. Vulnerabilität spielt eine wichtige Rolle, jedoch ist davon auszugehen, dass das Syndrom ohne Belastungsfaktor nicht entstanden wäre.
4. Dissoziative Störungen (Konversionsstörungen) (F44)
Diese Gruppe von Störungen wurde früher unter dem Hysteriebegriff zusammengefasst. Wegen der unterschiedlichen Bedeutungen des Hysteriebegriffes erscheint es jedoch besser, diesen Terminus als Diagnose zu vermeiden.
Definition
Bei den dissoziativen Störungen kommt es zum Verlust der normalen Integration von Erinnerungen, Identität, Empfindungen und Bewegungskontrolle. Im Zentrum steht meist eine "pseudoneurologische Symptomatik" (z. B. Amnesie, Stupor, Anfälle, Bewegungsstörungen, Sensibilitätsstörungen). Diese Störungen stehen in enger zeitlicher Verbindung zu einem belastenden Ereignis oder stehen in engem Zusammenhang zu anderen Problemen, Konflikten und Bedürfnissen.
Wichtig ist eine neurologische und psychiatrische Differenzialdiagnostik, denn bei Vorliegen anderer psychiatrischer Erkrankungen haben dissoziative Störungen nur den Rang von Symptomen.
Epidemiologie
Konversionssymptome dürften häufig sein und kommen meist vor dem 35. Lebensjahr vor. Unter den aufgenommenen Patienten eines Allgemeinkrankenhauses hatten bis zu 14 % eine dissoziative Störung.
Subtypen
- dissoziative Amnesie (F44.0)
- dissoziative Fugue (F44.1)
- dissoziativer Stupor (F44.2)
- Trance- und Besessenheitszustände (F44.3)
- dissoziative Bewegungsstörungen (F44.4)
- dissoziative Krampfanfälle (F44.5)
- dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörung (F44.6)
- gemischte dissoziative Störungen (F44.7)
- sonstige dissoziative Störungen (F44.8) (Ganser-Syndrom, multiple Persönlichkeit)
Bei der dissoziativen Amnesie kommt es zu einem Erinnerungsverlust meist wichtiger, kurz zurückliegender Ereignisse, der nicht durch eine organische psychische Störung bedingt ist. Bei der dissoziativen Fugue kommt es zu einer zielgerichteten Ortsveränderung, die der Betreffende jedoch amnesiert.
Bei den dissoziativen Störungen der Bewegung und der Sinnesempfindungen findet sich zum einen ein Verlust oder eine Veränderung der Bewegungsfunktionen (z. B. psychogene Lähmung, psychogene Ataxie, psychogene Aphonie ...) und zum anderen ein Verlust oder eine Veränderung von Sinnesempfindungen (z. B. anästhetische Hautareale, psychogene Taubheit ...). Dissoziative Krampfanfälle können epileptische Anfälle in ihrer Symptomatik manchmal sehr stark nachahmen. Bei dissoziativen Krampfanfällen sind jedoch Zungenbiss, schwere Verletzungen beim Sturz oder Urininkontinenz eher selten.
Dissoziative Störungen neigen nach Wochen oder Monaten meist zur Remission. Bestehen dissoziative länger als 2 Jahre, kommt es jedoch selten zu einer Spotanremission.
5. Somatoforme Störungen (F45)
Definition
Das Charakteristikum der somatoformen Störungen ist das wiederholte bzw. anhaltende Auftreten körperlicher Beschwerden in Verbindung mit hartnäckigen Forderungen nach medizinischen Untersuchungen, obwohl mehrfach negative Untersuchungsergebnisse bereits vorliegen.
Subtypen
- Somatisierungsstörung (F45.0)
- Undifferenzierte Somatisierungsstörung (F45.1)
- Hypochondrische Störung (F45.2)
- Somatoforme autonome Funktionsstörung (F45.3)
- Somatoforme Schmerzstörung (F45.4)
Epidemiologie
Das Vollbild der Somatisierungsstörung kommt bei etwa 0,2% bis 2% der Bevölkerung vor. Wird die Anzahl der geforderten Symptome niedriger angesetzt wie bei der undifferenzierten Somatisierungsstörung, erhöht sich der Prozentsatz auf etwa 11 % bis 15 %. Die somatoforme Schmerzstörung dürfte auch etwa 10 % bis 15 % der Erwachsenen vorkommen.
Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.0)
Bei der Somatisierungsstörung bestehen multiple Körpersymptome über mindestens 2 Jahre, die oft schon vor dem 30. Lebensjahr beginnen. Trotz umfangreicher diagnostischer Maßnahmen lässt sich für die Beschwerden keine ausreichende somatische Erklärung finden. Durch die ständige Beschäftigung mit den körperlichen Beschwerden kommt es zu sozialen Beeinträchtigungen. Typisch sind unzählige und wechselnde ärztliche Konsultationen, Zusatzuntersuchungen und zahlreiche Verschreibungen.
Gefordert werden mindestens 6 Symptome aus mindestens 2 der folgenden Gruppen:
Gastrointestinale Symptome
Bauchschmerzen, Übelkeit, Gefühl von Überblähung, schlechter Geschmack im Mund oder extrem belegte Zunge, Erbrechen, häufiger Durchfall
Kardiovaskuläre Symptome
Atemlosigkeit ohne Anstrengung, Brustschmerzen
Urogenitale Symptome
Dysurie oder Klagen über häufige Miktion, unangenehme Empfindungen im Genitalbereich, ungewöhnlicher oder verstärkter vaginaler Ausfluss
Haut- und Schmerzsymptome
Klagen über Fleckigkeit oder Farbveränderungen der Haut, Schmerzen in den Gliedern, Extremitäten oder Gelenken, unangenehme Taubheit oder Kribbelgefühle
Undifferenzierte Somatisierungsstörung (ICD-10: F45.1)
Die undifferenzierte Somatisierungsstörung wird dann diagnostiziert, wenn das Vollbild der Somatisierungsstörung wegen kurzer Dauer oder wegen weniger ausgeprägter Symptomatik nicht diagnostiziert werden kann, aber trotzdem zahlreiche körperliche Beschwerden vorhanden sind für die keine ausreichende somatische Ursache gefunden werden kann.
Hypochondrische Störung (ICD-10: F45.2)
Die hypochondrische Störung wird dann diagnostiziert, wenn über ein halbes Jahr die Angst besteht, an einer oder zwei schweren körperlichen Krankheiten erkrankt zu sein, obwohl zahlreiche Untersuchungen keine ausreichende Ursache für die körperlichen Beschwerden ergeben haben. Die Erleichterung über negative Untersuchungsergebnisse hält nur kurz an, dann werden die Ergebnisse wieder angezweifelt und neue Konsultationen angestrebt.
Eine Variante der hypochondrischen Störung ist die Dysmorphophobie. Hier steht ein vermeintlicher "Schönheitsfehler" oder ein Mangel in der körperlichen Erscheinung im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Somatoforme autonome Funktionsstörung (ICD-10: F45.3)
Bei der somatoformen autonomen Funktionsstörung werden Symptome der vegetativen Erregung (z. B. Palpitationen, Schweißausbrüche, Mundtrockenheit, Hitzewallungen, Erröten, Druckgefühl im Epigastrium, Kribbeln oder Unruhe im Bauch, Brustschmerz oder Druckgefühl in der Herzgegend, Dyspnoe oder Hyperventilation ...) einer körperlichen Krankheit in einem oder mehreren der folgenden Organsysteme zugeordnet:
Kardiovaskuläres System
dazugehörige Begriffe: Herzneurose, neurozirkulatorische Asthenie, Da-Casta-Syndrom
Oberer Gastrointestinaltrakt
dazugehörige Begriffe: psychogene Aerophagie, Singultus, Magenneurose
Unterer Gastrointestinaltrakt
dazugehörige Begriffe: psychogenes Colon irritabile, psychogener Durchfall, Flatulenz
Respiratorisches System
dazugehörige Begriffe: Hyperventilation
Urogenitalsystem
dazugehörige Begriffe: psychogene Steigerung der Miktionshäufigkeit, Dysurie
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ICD-10: F45.4)
Ein über 6 Monate an den meisten Tagen anhaltender schwerer und belastender Schmerz, der nicht durch somatische Faktoren ausreichend erklärt werden kann und der den Hauptfokus der Aufmerksamkeit des Patienten bildet.
6. Sonstige neurotische Störungen (F48)
Neurasthenie (ICD-10: F48.0)
Die Neurasthenie ist durch gesteigerte Ermüdbarkeit nach körperlicher oder geistiger Anstrengung gekennzeichnet. Zusätzlich zur Müdigkeit bestehen definitionsgemäß mindestens 2 der folgenden Symptome: Muskelschmerzen, Schwindelgefühle, Spannungskopfschmerzen, Schlafstörungen, Unfähigkeit zu entspannen, Reizbarkeit und Dyspepsie. Die autonomen oder depressiven Symptome sind jedoch nicht schwer genug, um die Diagnose einer anderen spezifischen Störung zu erfüllen.
Eine symptomatische Überschneidung besteht zum chronischen Müdigkeitssyndrom:
Chronic Fatigue Syndrome
Für die Diagnose des Chronic Fatigue Syndrom wird gefordert, dass die Erschöpfung mindestens 6 Monate anhält und einen umschriebenen Beginn hat (also nicht ein Leben lang). Neben der chronischen Müdigkeit bestehen auch körperliche Beschwerden. Unterschiedliche Ätiologien werden diskutiert, die Ätiopathogenese ist jedoch nicht restlos geklärt. Syndromale Überschneidungen bestehen auch zu anderen funktionellen Störungen (siehe funktionelle Störungen).
Letztes Update:5 März, 2009 - 12:31







